Ewiges Vermissen

Die Tränen fließen
Offensichtlich wie Riesen
Stampfend durch den dichten Wald
Bäume umreißend mit roher Gewalt

Gefühle die schmerzen
Zeugen gebrochener Herzen
Resignation zwingt es zu versagen
bevor es aufhört zu schlagen

Gedanken die kreisen
Die Welt umreisen
Vorbei an Bergen und Seen
Diese Augen haben alles gesehen

Sehnsüchte als Qual
Verirrt im Tal
Finsterer als man je sah
Ohne Ausweg lauern sie da

Hoffnung ist gestorben
Wie Früchte verdorben
Vegetieren stumm vor sich hin
Wie deine Liebe einst ging

Entäuschung kaum ertragbar
Die Schuld übertragbar
Keiner will es mehr wissen
Es bleibt nur ewiges Vermissen

Schlaf gut Prinzessin!

[WICHTIGER HINWEIS: Dies ist keine Gute-Nacht-Geschichte! Ich würde jedem der traumatische Erlebnisse hinter sich hat oder gegebenenfalls Triggergefährdet ist davon abraten ihn zu lesen. Hier geht es um Gewalt und ist nicht für jedermann zu verkraften. Bitte nehmt die Warnung ernst und überlegt euch zweimal ob ihr weiter lest.]

Kira stand einfach nur da und lies den Blick über die unendlichen Weiten aus Sand schweifen. Seit Tagen, so schien es ihr, irrte sie durch die Wüste und ihre Füße wollten sie nicht weiter tragen. Ihre Lippen waren aufgesprungen und blutig, ihre Lungen schmerzten bei jedem Atemzug. Ihre Wasserreserven waren längst aufgebraucht und wohin sie sah, war nichts außer Sand. Ihre Knie gaben unter ihrem Gewicht nach und sie sackte kraftlos zu Boden. Die Sonne prasselte unnachgiebig auf sie herab, als sie da lag und in den strahlend blauen Himmel blickte. Doch dieser hier verhieß nichts Gutes, er kündete ihren baldigen Tod an. Lange konnte sie nicht mehr ohne Wasser und Nahrung überleben und die Kräfte reichten nicht mehr aus, um aus diesem Labyrinth herauszufinden. Die Dünen bäumten sich auf wie Mauern, aus denen es für sie kein Entrinnen mehr gab. Kira musste die Augen zusammenkneifen, denn die blendende Sonne stach wie Feuer in ihnen. Wie sehr wünschte sie sich in diesem Moment eine Wolke, nur einen Regentropfen auf den spröden Lippen, um den ausgetrockneten Mund zu befeuchten. Wieso suchte eigentlich niemand nach ihr? Irgendjemand musste sie doch vermissen und alle Hebel in Bewegung setzen, um sie hier draußen aufzuspüren. Doch nichts passierte, keiner versuchte sie zu finden. Weil niemand mehr da war. Sie musste husten und krümmte sich vor lauter Schmerzen. Sie wusste, dass sie hier sterben würde. Alleine, umgeben von Sand und im Angesicht der Sonne, die ihr allmählich die Haut verbrannte.

Kira schreckte auf und blickte sich um. Wo war sie? Sie bemerkte die salzigen Tränen, die sich ihren Weg über ihre Wange bahnten. Sie erkannte ihr Schlafzimmer, schemenhaft zeichnete sich der große Kleiderschrank an der Wand gegenüber ab. Sie atmete erleichtert auf, es war nur ein Traum. Ein Alptraum unter vielen in der letzten Zeit. Seit Wochen schlief sie keine Nacht mehr durch, ständig hielten die Träume sie wach. Ein kalter Schauer durchschoss Kiras Körper, sie fror schrecklich. Das Fenster stand weit offen, er musste vergessen haben es zu schließen. Nur die Milliarden Sterne erhellten den dunklen Nachthimmel. Kira konnte ihren Blick nicht von ihnen abwenden. Wie gerne wäre sie einer von ihnen, dann wäre alles einfacher. Sie könnte für immer dort oben am Himmel leuchten und den Menschen ein wenig Licht spenden. Doch sie lag hier und die Realität holte sie unsanft wieder ein. Ihre Handgelenke schmerzten so sehr von den Seilen, mit denen sie an das Bett gefesselt war. Die Haut war aufgeschürft und blutig. Bei jeder Bewegung merkte sie die Spannung auf der Muskulatur ihrer Schultern, die durch die dauerhafte Überstreckung müde war. Sie hatte Durst, ihr Mund war ganz trocken und der Versuch, die Lippen anzufeuchten blieb ohne Erfolg.

Ein schmaler Lichtstrahl flackerte unter der Tür auf, das Licht im Flur wurde angeschaltet. Ihr Herz begann augenblicklich zu rasen, so als wollte es ihren Brustkorb sprengen, um diese Folter endlich zu beenden. Sie hörte Schritte den Gang entlang näher kommen. Sie wusste, dass sie gleich wieder in die Augen ihres Peinigers blicken würde und sie konnte sich nur entfernt ausmalen, was er diesmal mit ihr anstellen würde. Die Tür öffnete sich mit einem beängstigenden Knarren, welches weitere Schmerzen voraus sagte. Das fahle Licht der Lampe warf einen Schatten vor die muskulöse Erscheinung, die langsam im größer werdenden Schlitz zwischen Tür und Rahmen auftauchte. Er reichte bis zu Kira hinüber, die vor Angst zitternd im Bett lag, unfähig wegzulaufen oder sich zu wehren. Sie musste es einfach über sich ergehen lassen. Augen zu und durch, dieser Spruch schoss Kira in diesem Moment in den Kopf. Sie hasste Sprichwörter, spätestens jetzt. Sie blickte in Richtung Tür, wo er immer noch stand und sie beobachtete. Er schien es zu genießen sie leiden zu sehen. Sie sah nur eine große schwarze Gestalt, mehr konnte sie durch das Licht, das hinter ihm ungeduldig aufflackerte, nicht erkennen. Konnte keinen Blick auf seine Augen erhaschen. Diese eiskalten Augen, die nichts als Hass beherbergten. Eine bittere Träne lief an Kiras Wange hinunter und verteilte sich über ihre Lippen. Sie versuchte stark zu sein, sich ihre Angst nicht anmerken zu lassen. Bloß keine Schwäche zeigen, das will er doch nur.

Er machte einen Schritt weiter in den Raum hinein, einen Schritt weiter in ihre Richtung. Eine weitere Träne bahnte sich ihren Weg und sie unterdrückte den Hilfeschrei, der eh von niemandem gehört werden würde. Er schloss die Tür hinter sich. Nun lag das Zimmer wieder im Dunklen, nur die Sterne warfen ihr weniges Licht in den Raum. Nun stand er vor ihr und sah auf sie herab. Kira fühlte sich so unglaublich klein in diesem Moment. Hilflos und unfähig. Er hielt etwas in der Hand. Kira konnte es zwar nicht erkennen, aber sie wusste genau was es war. Das Messer, mit dem er sie seit Wochen immer wieder massakrierte. Sie sehnte sich den Tod herbei. Konnte er es nicht einfach zu Ende bringen?

Die düstere Gestalt setzte sich neben sie auf die Bettkante und streichelte ihr über das tränenverschmierte Gesicht. „Weine doch nicht Prinzessin, ich bin doch bei dir! Du brauchst nun keine Angst mehr haben.“ Er strich die klebrigen Haarsträhnen zur Seite und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Sei ganz leise.“ Die Sanftheit in seiner Stimme, als er diese Worte aussprach, ekelten sie an. Da lag sie nun, völlig entblößt und frierend. Ihrem Vergewaltiger wehrlos ausgeliefert. Er hob das Messer und fuhr damit an ihrem Oberkörper entlang. Seine Atmung wurde schwerer, sie wusste wie sehr er das genoss. Kira biss sich unsanft auf die Lippen und der metallische Geschmack des Blutes vermischte sich mit den salzigen Tränen. In Erwartung des ersten Schnittes verharrte sie in einer angespannten Starre. Gleich war es wieder so weit. Gleich würde die Klinge wieder in ihr einst zartes Fleisch fahren und eine neue Schnittwunde hinterlassen. Ihr ganzer Körper war übersät damit. Überall war getrocknetes Blut, sogar das Bettlaken war schon vollends mit ihrem Lebenssaft getränkt. Er schnitt zu und der Schmerz durchzuckte erneut ihren ganzen Körper. Sie spürte wie das kalte Blut zu fließen begann. Diesmal hatte er an der Seite angefangen. Es würden noch viele Schnitte folgen, das wusste sie nur zu genau. Er beugte sich weiter über sie und leckte das frische Blut von ihrer Haut. Sein Speichel brannte unangenehm in der frischen Wunde. Sie blickte mit ihren tränennassen Augen in den Sternenhimmel und blendete alles um sich herum aus. Sie wollte es nicht spüren, wenn er sich wieder an ihr vergeht. Kira konnte und wollte nicht mehr spüren, wie er sie erneut demütigte. Da oben leuchteten die Sterne und luden sie zu sich ein. Sie ließ sich zu ihnen tragen und ruhte zwischen ihnen, bis es endlich vorbei sein würde. Er lebte seine ganze kranke Phantasie an ihr aus, doch sie merkte es nicht mehr, denn sie war längst bei den Sternen angekommen.

Sie wusste nicht wie lange es gedauert hatte, bis er endlich wieder von ihr abließ. Als sie wieder zu sich kam, war er schon wieder aus dem Zimmer verschwunden. Was blieb waren die Schnitte, die ihren Körper bald gänzlich bedeckten und die unerträglichen Schmerzen in ihrem Unterleib. Völlig erschöpft schloss sie die Augen, den Blick gen Himmel gerichtet.

Kira rannte. Sie stolperte über spitze Steine und riss sich ihr Gesicht an herabhängenden Ästen auf. Überall um sie herum ragten dicke Baumstämme in den Nachthimmel. Sie versuchte ihnen zu entkommen, doch es gelang ihr nicht. Der Wald wirkte undurchdringbar, sie sah kein Licht, keinen Ausgang am Ende des Waldes. Da waren nur sie, tausende Bäume und die Geräusche des Waldes. Weit entfernt hörte sie eine Eule heulen, so als würde sie die geliebte Nacht verfluchen. Der Schrei ging durch Mark und Bein. Kira stürzte unsanft zu Boden, als sie an einer aus dem Boden ragenden Wurzel hängen blieb. Sie prallte mit dem Kopf auf den Waldboden, der mit Tannennadeln bedeckt war und ihre Stirn mit Schmutz bedeckte. Sie drehte sich auf dem Rücken und versuchte durch die dichten Baumkronen ein Stück des Himmels zu entdecken. Es gelang ihr nicht. Das dichte Blätterwerk ließ nichts herein und nichts hinaus dringen. Da waren sie wieder, die Schritte die sich ihr schnell näherten. Unter dem Gewicht des Verfolgers krachten die Zweige so laut, dass es sich anhörte, als stände er direkt neben ihr. Kira versuchte sich zu orientieren. Wo musste sie hin? Welche Richtung sollte sie einschlagen? Sie rappelte sich schnell hoch und rannte einfach los. Vielleicht dem Fremden direkt in die Arme. Immer wieder blickte sie zurück, nach rechts, nach links, doch nichts war zu sehen. Nur die Stämme und Büsche. Die Schritte schienen näher zu kommen, immer deutlicher konnte Kira sie hören. Bald wird er sie eingeholt haben. Vielleicht springt er gleich neben ihr aus dem Dickicht. Sie versuchte noch einmal alle Kräfte zu sammeln und schneller vorwärts zu kommen. Ganz weit entfernt konnte sie ein Licht ausmachen. Sollte es vielleicht die rettende Freiheit sein? Sie bekam kaum noch Luft, so sehr zerrte die Erschöpfung an ihr, versuchte sie zum Aufgeben zu zwingen. Doch Kira war ein Kämpfer, sie biss die Zähne zusammen und sprang über eine Wurzel nach der anderen, duckte sich unter dicken Ästen hindurch, kämpfte sich durch die Büsche, deren Stacheln ihre ganze Haut verletzten. Das war jetzt nicht wichtig, sie musste aus dem Wald entkommen. Die Lichtung kam immer näher, doch ebenso die schwerfälligen Schritte. Auch sie hatten an Tempo zugelegt. Ängstlich blickte sie zurück und sah ihn, nur wenige hundert Meter hinter sich. Die roten Augen stachen hervor wie Rubine, sie fixierten sie und lechzten danach sie zu bekommen. Bald hätte sie es geschafft, Kira durfte jetzt nur nicht aufgeben. Die Baumreihen lichteten sich allmählich und sie konnte das grüne Gras der Wiese erkennen. Sie wollte sich einfach hineinfallen lassen, ganz unbeschwert und sicher. Da packte sie etwas am Fuß und riss sie zu Boden. War sie wieder an einer Wurzel hängen geblieben? Ihre Zahnreihen waren unsanft aufeinander geprallt und ihre Zunge pochte schmerzhaft. Sie streckte ihren Arm aus. Das Gras, das saftige grüne Gewächs war zum greifen nahe. Sie schaffte es, sich an einem Büschel festzukrallen, doch dann wurde sie mit einer Leichtigkeit wieder zurück ins Dunkel gezogen. Kira schrie auf. Sie schrie um Hilfe, doch niemand hörte sie. Weil niemand mehr da war. Nur das gehässige Lachen des Dämons, das den ganzen Wald erfüllte, war noch da.

Kira schlug die Augen auf. Das Tageslicht stach in ihren müden Augen. Sie wusste nicht wie lange sie geschlafen hatte, wie viele Tage sie dieser Folter schon ausgeliefert war. Kira war müde, sie hatte kaum noch Kraft die Augen offen zu halten. Das Atmen fiel ihr schwer, bei jedem Atemzug schien sie ihre Lungen bis zum Äußersten zu strapazieren. Sie nahm ihre Umgebung nur noch verschwommen wahr. Ihr Körper war wohl so sehr ausgetrocknet, dass er keine Kraft mehr aufbringen konnte. Wann hatte sie das letzte Mal etwas zu essen bekommen, oder Flüssigkeit zu sich genommen? Diese Frage konnte sie nicht mehr beantworten. Selbst das Denken fiel ihr schwer. Wie lange lag sie schon hier? Wie viele Tage waren vergangen, seit er in ihre Wohnung eingedrungen war und sie im Schlaf überwältigt hatte? Kira merkte, wie die Erschöpfung wieder Macht über sie gewann, doch sie hatte keine Kraft mehr dagegen anzukämpfen. Es wurde wieder dunkel vor ihren Augen und sie sank in einen tiefen traumlosen Schlaf.

Wie durch einen Schleier erkannte sie ihn, wie er da so über ihr aufragte. Eine dunkle schwarze Gestalt. Er hielt etwas Großes in den Händen, es sah aus wie ein Eimer und sie hatte Recht, denn im nächsten Moment ergoss sich ein Schwall kalten Wassers über sie. Kira zuckte zusammen und ihr wurde kurz schwarz vor Augen. Beinahe hätte sie wieder das Bewusstsein verloren, doch schon kam der nächste Schwall Wasser, diesmal direkt in ihr Gesicht. Die kalte Luft, die durch das immer noch geöffnete Fenster ins Zimmer strömte, kühlte das Wasser auf ihrer Haut noch weiter ab. Gänsehaut überdeckte ihren ganzen Körper. „Prinzessin, wach auf. Mach die Augen auf, du hast lang genug geschlafen.“ Wieder sagte er es mit einer abartigen Sanftheit, fast wie der Vater, der seinem Kind eine gute Nacht wünscht. Übelkeit überkam Kira, sie versuchte mit letzter Kraft dagegen anzukämpfen. Er kniete über ihr und schlug ihr hart mit der Faust ins Gesicht. „Bist du wach Prinzessin? Schau mich doch an. Bitte schau mich an, ich mag doch deine Augen so sehr. Möchtest du, dass ich dich berühre?“ Noch immer sprach er mit sanfter, engelsgleicher Stimme. Wie konnte dieser Teufel nur so reden? „Gefällt es dir, wenn ich dich hier anfasse?“, fragte er und strich über ihre nasse, kalte Haut. Er fuhr mit seiner Hand über all die Schnittwunden und jede einzelne Berührung verursachte noch mehr Schmerzen, die nach und nach Kiras Geist benebelten. Nur noch der Schmerz war gegenwärtig. Wieder wurde sie ohnmächtig.

Kira blinzelte. Die Augen benötigten einige Zeit, um sich an das strahlende Tageslicht zu gewöhnen. Sie lag an einem wundervollen weißen Sandstrand, und blickte in den schönsten blauen Himmel den sie je gesehen hatte. Über ihr zog ein Schwarm Möwen seine Kreise und in der Ferne hört sie Kinder lachen, die vergnügt ihren Spielen nachgingen. Kira fühlte sich wohl, ihr ganzer Körper fühlte sich warm und gesund an. Keine Kälte war mehr da, keine Schmerzen die ihr den Verstand raubten, nur dieses unglaubliche, alles einnehmende Wohlbefinden war da. „Prinzessin, bist du noch bei mir?“ Wo kam diese Stimme her? Sie sah sich um, doch da war niemand an dem Strand außer ihr. Kira war verwirrt und fühlte sich beobachtet. Dieses Gefühl überkam sie wieder, die Schmerzen wurden präsenter. Der Strand verblasste langsam und die seichten Wellen zogen sich zurück. Der Himmel verdunkelte sich und dann war sie wieder da, in ihrer Realität.

„Da bist du ja kleine Prinzessin. Ich dachte schon, du willst mich einfach so verlassen. Aber du weißt doch, dass ich hier die Entscheidungen treffe.“ Kira kämpfte dagegen an, sie wollte zurück an diesen Strand. Sie sehnte die Wärme und das Wohlbefinden herbei. Wieso konnte sie nicht einfach wieder dorthin zurück kehren? Wieso ließ er sie nicht endlich gehen? Kira sammelte ihre letzten Kraftreserven, sie musste dieser Sache selbst ein Ende setzen. Er würde sie nie gehen lassen. Sie bäumte sich auf und stieß einen Schrei aus, der so schrill und durchdringend war, dass sich ihr Angreifer so erschreckte und mit zuschlug. So fest, und mit einer unbändigen Kraft mitten in ihr Gesicht. Kira sackte in ihr Kissen zurück und ihre Augen blieben offen stehen, und dann verschwand das letzte Leuchten aus ihnen. Nur noch die Reflektionen der Sterne waren darin zu sehen.

Da war er wieder, der Strand, die Wärme, das Wohlbefinden. Die Wellen umspülten ihre nackten Füße, doch das Wasser war nicht kalt, es hatte eine angenehme Temperatur. Kira streckte die Arme aus und ließ sich in den weichen Sand fallen. Nur noch ein letztes Mal hört sie die Stimme im Hintergrund sagen: „Schlaf gut Prinzessin!“ und dann verstummte sie für ewig. Dann waren nur noch sie, der Sand, die Wellen und der strahlend blaue Himmel.

Lieben und Leben lassen

Der Regen trommelte fordernd gegen die Fensterscheibe der Wohnung, in der eine junge Frau reglos auf dem Boden lag. Draußen ließ der Donner einen markerschütternden Schlag durch die von Regen glänzenden Gassen hallen, gleichzeitig schlug sie die Augen auf und starrte im Dunkeln an die Decke ihrer kleinen Wohnung. Es musste mittlerweile ein oder zwei Uhr nachts sein. Genau wusste sie es nicht, es schien ihr als hätte sie jedes Zeitgefühl verloren. Sie hob ihren rechten Arm und warf einen Blick auf ihr Handy, welches sie die ganze Zeit fest in der Hand gehalten hatte. Es zeigte 4:19 an, zu spät um noch wach zu sein. Doch das Mädchen konnte einfach nicht einschlafen, ihre Gedanken ließen sie nicht zur Ruhe kommen. Ihr Rücken tat weh und sie wagte es sich gar nicht sich zu bewegen, denn sie ahnte, dass jede noch so kleine Bewegung Schmerzen verursachen würde. Sie bemerkte erst jetzt, dass sie seit Stunden auf dem harten, eiskalten PVC-Boden gelegen hatte. Wieso hatte sie sich nicht aufs Bett gelegt?

Sandy war durcheinander, sie konnte sich nicht mehr genau erinnern. Vorsichtig stemmte sie sich ein Stück vom Boden weg und wie vermutet schoss ein unerträglicher Schmerz durch ihren ganzen Körper. Den Schmerz ignorierend sah sie sich um und entdeckte die leere Wodkaflasche neben sich und konnte sich wieder verschwommen erinnern. Am Abend hatten sie ihre Gefühle eingeholt, die sich die letzten Tage und Wochen versucht hatte zu verdrängen, und sie hatte die ganze Flasche getrunken um sich zu betäuben, um zu vergessen. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit, die nur hin und wieder durch einen aufzuckenden Blitz durchbrochen wurde. Sie ließ ihren Blick weiter durch den Raum wandern.  Sie erblickte die umgeworfenen Stühle und die Scherben auf dem Boden, an der Wand gegenüber. Dann fiel es ihr wieder ein. Sie ließ das Handy fallen und griff sich an ihren linken Arm. Schmerz durchzuckte ihren ganzen Körper. Sie wandte ihren Blick von den Glassplittern ab, an denen noch dunkel das Blut klebte und sah in Richtung ihres Armes. Sandy musste unweigerlich auflachen. Was hatte sie auch anderes erwartet? Sie richtete sich mühsam auf und ging durch die düstere Wohnung in Richtung Bad. Sie musste an den Scherben vorbei und fast wäre sie unachtsam und benebelt wie sie war, in eine von ihnen getreten. Sie stieg darüber und betrat das Badezimmer. Als sie den Lichtschalter betätigte schreckte sie zusammen. Das Licht war so hell, dass sie augenblicklich die Augen zukneifen musste, um nicht geblendet zu werden. Sie stützte sich am Waschbeckenrand ab und wartete, dass sich ihre Augen an die ungewohnte Helligkeit gewöhnten. Langsam streckte sie ihre Hand aus und öffnete die Tür des Spiegelschrankes, griff nach dem Desinfektionsmittel und begann ihre Wunden zu versorgen. Sie hatte immer eine Tube davon im Haus, genauso wie Wundsalbe und Verbände. Als Sandy alles verbunden hatte, starrte sie in den Spiegel, in ihr eigenes leichenblasses Gesicht, mit den tiefen Augenringen. Fast hätte sie sich selbst nicht erkannt.

Sandy wartete nun schon seit drei Wochen auf eine Nachricht. Sie musste es endlich wissen. Schon als Kind, war sie nie sonderlich geduldig gewesen und auch nach Jahren der Übung, war sie es noch nicht. Im Warten war sie wahrlich Meisterin, doch das änderte nichts an ihrer allgegenwärtigen Ungeduld. Es tat weh, nicht zu wissen woran sie war. Sie hatte mehrfach versucht wieder Kontakt zu Lisa aufzunehmen, doch jeglicher Versuch blieb zwecklos. Alles war super gewesen, sie hatten sich wieder vertragen und hatten sich versprochen, nicht noch einmal zu  zulassen, dass sich irgendetwas oder irgendjemand zwischen sie stellt. Sandy hatte so sehr gehofft, dass es diesmal wirklich so wäre. Doch von heute auf morgen, hatte sich Lisa nicht mehr gemeldet. << Du weißt doch, dass ich dich liebe und es nie zulassen würde, dass sich daran etwas ändert.>> Lisas Worte hallten noch immer in ihrer Erinnerung nach. Sollten das alles wirklich nur leere Worte gewesen sein? Damals hatte sie jedes Wort blind geglaubt. Doch nun wirkte alles wie eine riesengroße Lüge. Jede Berührung, jedes Wort, jedes Versprechen kam ihr jetzt falsch vor. Sie fühlte sich benutzt und hintergangen. Hatte Lisa etwa jemand anderen? Aber wenn dem so wäre, warum sagte sie es nicht einfach? Nein, sie ließ Sandy einfach zurück, den Boden unter den Füßen weggerissen und hilflos, unfähig irgendetwas an dieser ausweglosen Situation ändern zu können. Ihr waren die Hände gebunden, nun lag es an Lisa den nächsten Schritt zu tun, einen Schritt auf sie zu anstatt immer und immer wieder zehn von ihr weg. Sandy wollte nur eine Erklärung, das war alles was sie sich noch erhoffte. Die Vorstellung mit Lisa glücklich werden zu können, hatte sich spätestens nach einer Woche warten in Rauch aufgelöst. Es war nicht das erste Mal, dass Sandy sich in einer solchen Situation wiederfand. Erst vor wenigen Monaten, stand sie vor genau den gleichen Problemen und Unstimmigkeiten. Damals hatte sie Lisa vergeben, als sie sich nach Wochen der Verstummung wieder gemeldet hatte. Diesmal war aber alles anders. Das Gefühl war anders, endgültiger. Beim letzten Mal wusste sie wenigstens ansatzweise, warum sich plötzlich alles geändert hatte, doch dieses Mal war sie völlig ahnungslos. Genau diese Tatsache machte sie verrückt und ließ sie nachts nicht mehr schlafen. Tagsüber rettete sich Sandy mehr schlecht als recht durch die Stunden, um nach der Arbeit todmüde ins Bett zu fallen. Doch selbst dann, als die Erschöpfung kaum noch auszuhalten war, kam sie nicht zur Ruhe. Schlaf bedeutete für sie  mittlerweile nur noch Qual, immer wieder aufs neue Horrorszenarien vor Augen sehen und untätig alles über sich ergehen lassen müssen. Alpträume verfolgten sie jedes Mal wenn sie die Augen schloss, weshalb sie krampfhaft versuchte sich wach zu halten, solange bis der Körper aufgab. Jedes Mal hoffte sie, ihr Körper würde in einen so tiefen Schlaf fallen, dass er nicht mehr die Kraft hätte zu träumen. Doch ihre Hoffnungen blieben unerfüllt, so wie jedes einzelne Mal in ihrem Leben.

Schwerfällig lief sie zurück in das benachbarte Zimmer, setzte sich an ihren Schreibtisch und startete ihren Computer. Stützend legte sie den Kopf in ihre Hände und wartete. Der Startbildschirm erschien und fragte das Passwort ab. Sie brachte es kaum über sich und kämpfte erneut mit den Tränen, denn es war Lisas Name, den sie eingeben musste. Ihre Hände zitterten, als sie sie auf die Tasten legte und einen Buchstaben nach dem anderen tippte. L I S A. Wieder und wieder hallte Lisas Name in ihren Gedanken nach. Wie eine Platte, die endlos mit dem gleichen Song bespielt ist. Wie in Trance rief Sandy ihre E-Mails ab, in der Hoffnung eine Nachricht von ihr vorzufinden. Der Posteingang zeigte drei neue Mails an, ihr Name stach gegen die anderen hervor und Sandys Herz schien für einen Moment stehen zu bleiben. Die Nachricht trug den Namen „Lieben und Leben lassen“. Geistesabwesend öffnete sie die Nachricht und begann zu lesen.

<< Meine liebste Sandy,
Ich kann nur erahnen wie sehr dich die letzten Wochen verletzt haben müssen, doch du sollst wissen, dass es nie meine Absicht war dir weh zu tun. Ich würde dir so gerne einen Grund nennen können, warum ich mich nicht mehr gemeldet habe, oder auf keinen deiner Anrufe reagiert habe, doch ich finde keinen der dies rechtfertigen würde. Ich bin durcheinander, verwirrt und weiß nicht warum ich dir das antue, schon wieder. Das hast du nicht verdient und ich will dich nicht aus meinem Leben verlieren. Ich komm nicht klar mit mir, mit meinen Gedanken und Gefühlen. Ich weiß nicht mehr was ich will, wen ich will oder wohin ich will. Ich weiß nur, dass ich unfähig bin dich glücklich zu machen. Du bedeutest mir so viel, das weißt du doch hoffentlich?! Ich muss ehrlich zu dir sein, auch wenn ich weiß, dass es dir das Herz brechen wird, wenn es denn noch weiter brechen kann. Ich habe jemanden kennengelernt, sie kann dir nicht das Wasser reichen, bei weitem nicht. Das was wir hatten, kann niemand ermessen. Doch mit ihr scheint alles so einfach, und genau das ist es was ich im Moment brauche. Etwas, das einfach ist. Es klingt so falsch, vielleicht ist es das auch. Sie ist hier, sie kann ich berühren, dich nicht. Du bist so verdammt weit weg von mir und ich halte die Sehnsucht nicht aus. Ich weiß, es widerspricht sich völlig, aber für mich ist es richtig. Es liegt nicht an dir, es liegt einzig und allein an dieser verflixten Entfernung. Ich wünsche dir so viel Gutes, denn du hast es verdient. Ich hoffe du kannst mir irgendwann verzeihen.
Lisa >>

<< Verzeihen? Ihr verzeihen, dass sie mir das Herz bricht und dann drei verdammte Wochen nicht den Mumm hat mir die Wahrheit zu sagen?>> Sandy schrie es dem Bildschirm entgegen. Nur zu gerne hätte sie es Lisa ins Gesicht gebrüllt. Doch sie war ja nicht da. Sie würde nie wieder da sein. Sie griff wie im Affekt nach dem Glas, das neben ihr auf dem Tisch stand und warf es gegen die Wand. Die Splitter sprangen ihr entgegen und verletzten sie im Gesicht und an der Hand. Das Blut vermischte sich mit ihren salzigen Tränen, die sie nun nicht länger zurück halten konnte. Sie spürte den Schmerz nicht einmal, nur das Stechen in ihrer Brust bemerkte sie noch und wie sie langsam keine Luft mehr bekam. Sie sprang von ihrem Stuhl auf, der polternd zu Boden fiel und die Lampe umwarf. Weit entfernt hörte sie die Glühbirne zerbersten. Überall auf dem Boden waren nun Scherben verteilt, so wie ihr Herz nur noch einem Scherbenhaufen glich. Etwas starb in ihr, in diesem Moment hörte ihr Herz auf zu lieben. Sie schrie laut auf, als sich ein Glassplitter tief in ihren Fuß bohrte, als sie gerade ausholte und mit der blanken Faust gegen die Wand schlug. Die Haut an ihren Fingerknochen platzte auf, das Blut lief ihr an den Fingern herunter und tropfte zu Boden. Sie bückte sich, hob einen großen Splitter auf und schnitt zu. Das rote Lebenselixier floss aus der Wunde und verteilte sich über ihre Kleidung.

Erst zwei Tage später fand man Sandy, auf dem Boden liegend zwischen tausend Scherben. Überall war getrocknetes Blut gewesen. Sie war nicht auf der Arbeit erschienen und niemand konnte sie erreichen, also hatten ihre Kollegen die Polizei verständigt. Man fand nur sie und die geöffnete Mail auf ihrem Bildschirm. Die Polizisten hatten Lisa später kontaktiert, um ihr einige Fragen zu stellen und ihr die Nachricht von Sandys Tod überbracht. Sie teilten ihr ebenfalls mit, was sie aus letzter Kraft mit ihrem eigenen Blut auf den Boden geschrieben hatte: „Lieben und Leben lassen. Lebe wohl.“

Du.

Der Stern, der aufhört zu leuchten
Das Licht, das erlischt

Der Regen, der nicht mehr fällt
Das Feuer, das für immer verglüht

Die Liebe zu dir.

Der ausgetrocknete Fluss
Der gefallene Vogel

Der Fisch, der sich nach dem Ufer sehnt
Der Weg, der sich in der Unendlichkeit verliert

Die Sehnsucht nach dir.

Das Herz, das aufhört zu schlagen
Der Sehende, der nie wieder das Licht erblickt

Das gekenterte Schiff
Der verlorene Hoffnungsvolle

Ich.

In Hilflosigkeit gefesselt

Wenn man einmal eine Verbindung erlebt hat, die in Intensität und Vertrautheit nicht stärker sein könnte, dann weiß man erst was wahre Liebe ist. Wenn man dies über eine enorme Entfernung lebt, weiß man erst was wahre Sehnsucht bedeutet, so stark, dass sie kaum auszuhalten ist. Erst dann, wenn diese Verbindung zu schwinden scheint, weiß man was wahrer Schmerz ist.

Ich habe diese Erfahrungen machen müssen. Ich liebe, ich vermisse, ich habe Angst zu verlieren. Dieses Gefühl zu verlieren, von vollkommenem Verständnis, unglaublicher Verbundenheit, Nähe trotz kilometerweiter Entfernung und einer faszinierenden Ähnlichkeit. Dieses Gefühl, solch eine Verbindung an sich zu finden, ist sehr selten. Nicht viele können das von sich behaupten. Ich hatte dieses unbeschreibliche Glück, einen Menschen zu finden, der mir ähnlicher nicht sein könnte, bei dem mir jedes Wort das Leben schöner erscheinen lässt. Ein Mensch, der mir Wärme und Geborgenheit gibt, bei dem ich sein kann, bei dem ich frei bin.

Am Anfang war ich verunsichert. Wir dachten das Gleiche, sprachen Gedanken gleichzeitig aus. Unsere Worte waren zwar andere, doch der Sinn war der Selbe. Es war fast unheimlich. Schnell erkannte man so viele Parallelen, Gemeinsamkeiten häuften sich. Wir fühlten wie der andere, wussten genau was im Gegenüber vorging, noch bevor es ausgesprochen war, denn wir sind uns gleich. Ich fühlte mich wie bei einem langjährigen Freund, doch es passte nicht zu anderen Freundschaften. Niemand kannte mich so gut wie sie, ohne mich wirklich zu kennen. Unsere Unterhaltungen waren vertraut, ohne Scheu oder Scham. Wir brauchten uns nicht verstecken, denn wir wussten wer wir sind. Als wäre es das Normalste auf der ganzen Welt, sprachen wir aus, was der andere nur dachte.

Schon nach kurzer Zeit merkten wir, dass diese Verbindung nie zerbrechen dürfte. Sie war zu kostbar, um sie aufzugeben. Es durfte nie passieren. Doch wie es nun mal mit den meisten Hoffnungen ist, sie zerplatzen irgendwann. Wir verloren uns, fanden wieder zueinander, versprachen uns es nie wieder so weit kommen zu lassen. Doch das schafften wir nicht. Aus Angst den anderen zu verletzen, zogen wir uns zurück. Aus den Gedanken bekamen wir uns aber nicht. Die Gefühle sträubten sich dagegen loszulassen. Wie kann ein so festes Band reißen? Das ist nicht möglich, nicht bei uns. Ich weiß, dass ich ohne sie nicht vollständig bin. Ich brauche sie in meinem Leben, denn sonst ist es so trist wie eh und je. Sie ist meine Sonne, mein Licht in der Dunkelheit. Die treibende Kraft in meinem Leben. Ich bin nicht bereit sie vollständig aus meinem Leben zu entlassen. Es mag egoistisch klingen, aber ich kann es nicht. Es widerstrebt mir, sie an mich zu binden. Ich möchte ihr nicht die verdiente Freiheit stehlen, das steht mir nicht zu. Jedoch weiß ich, dass ich ohne sie nicht bin. Ein Blick in ihre Augen und ich weiß, das Leben hat mir etwas zu bieten. Wenn ich daran denke, wie es ohne sie wäre, dann macht mich jeder Gedanke daran traurig. Nichts von ihr zu hören, nicht zu wissen wie es ihr geht, macht mich krank.

Das Schlimmste ist, sich tagelang den Kopf zu zerbrechen, warum sie kein Lebenszeichen von sich gibt. Sich Stunde um Stunde auszumalen was alles passiert sein könnte. Eine Unruhe in sich zu haben, dass die Hände nicht mehr aufhören wollen zu zittern. Das Gefühl zu haben, dass dem Menschen den man so sehr in sein Herz geschlossen hat etwas Schreckliches zugestoßen sein könnte. Das frisst einen nach und nach auf. Ich fühle mich dann immer unsagbar hilflos. Untätig muss ich dasitzen und warten. Hoffen, dass sie sich doch meldet. Ich den süßen Klang ihrer Stimme hören und aufatmen kann. Ich schaue in meine Augen und sehe keine Freude, nur stilles Warten. Jeder Versuch sie zu erreichen bringt keinen Erfolg. Wie lange kann ein Mensch hoffen? Wie viel Zeit muss vergehen, bevor man aufgibt? Wie oft kann man neuen Mut schöpfen? Wann verliert man den Glauben?

Ich weiß nicht wie lange ich noch an diese Verbindung glauben kann. Ich bemühe mich. Das tue ich wirklich. Ich versuche zu zeigen wie wichtig es mir ist, doch ich stoße nur auf Leere. Alles erfüllende Leere in Taten und in mir. Ich hasse die Traurigkeit in meinen Augen und die Sehnsucht nach einem Wort von ihr. Nur eines, das würde mir genügen. Ein Wort der Erklärung, damit ich beruhigt einschlafen kann. Doch da ist nichts, ich sitze hier, schlaflos, rastlos und frage mich „Warum?“. Was hab ich getan, was hab ich falsch gemacht? Doch keine Antwort erwartet mich, sondern nur die stumme Weite, die mich umgibt. Fühle mich wie in einem kleinen Schuhkarton gefangen, nichts dringt herein. Ich bin alleine gefangen mit meinen Gedanken, die um mich kreisen wie ein Wirbelsturm und ich befinde mich in seinem Zentrum. Ich kann nicht heraus, denn er hält mich fest. Da ist kein Platz mehr für andere Gedanken, nur sie und immer wieder sie und die Fragen, auf die es keine Antworten gibt.

Ich habe das Gefühl, sie nun endgültig verloren zu haben. Ich weiß nicht woran es liegt, doch diesmal fühlt es sich anders an. Es erfüllt mein ganzes Innerstes, dieses Gefühl des Verlierens. Wir haben uns Versprechen gegeben, die nicht eingehalten werden. Wieder nicht, wie schon zu oft. Ich kann nicht mehr, meine Kräfte sind fast aufgebraucht. Ich will nicht verlieren – nicht sie. Doch was soll ich nur noch machen? Ich komme ja nicht an sie ran. Vielleicht muss ich es akzeptieren, auch wenn es mir als das Schwerste erscheint, dem ich mich je gegenüber sah. Ich muss mich wohl damit abfinden, dass es kein Happy end für uns gibt und loslassen. Kann nicht die Entscheidungen anderer ändern, nur als gegeben hinnehmen, doch ohne eine Erklärung ist das scheinbar unmöglich. Ist das nun das Ende? Das Ende dieses Textes mit Sicherheit. Alles Weitere liegt nicht mehr in meiner Macht. Ich habe mein Bestes gegeben.

Are you human?

“Wie es ist, zu sein und doch nicht zu leben.”

Der Mensch ist ein sprunghaftes Wesen. Unbeständig und flatterhaft lebt er vor sich hin. Ich schließe mich nicht aus, es liegt wohl einfach in der Natur der Menschlichkeit. Redet heute noch jemand von der großen Liebe, so kann er morgen schon in den Armen eines Anderen liegen. So sind sie die Menschen, sie nehmen sich das was besser erscheint und vergessen das, was sie hatten. Man ist eigentlich nie ausnahmslos glücklich mit dem was man hat. Die Kollegen sind zu sehr von sich eingenommen, der Chef zu autoritär, die Freunde zu nachlässig, der Partner zu eifersüchtig.

Irgendwo findet der Mensch immer das berühmte Haar in der Suppe. Beschweren, mäkeln und Meckern sind des Menschen liebste Tätigkeit, diese genießt er häufig und in vollen Zügen. Es fällt ihm schwer am Guten festzuhalten, er fixiert sich lieber auf das Schlechte. Erinnerungen sind meist negativ bestimmt, so erinnert er sich selten an lobenswerte oder positive Gegebenheiten. Negativität liegt wie ein Schleier über ihm, außer er ist manisch oder hoffnungsloser Optimist, diese Gattungen sind allerdings rar geworden. Das Menschlein liebt es Schwarzmalerei zu betreiben und geht meist vom Schlimmsten aus. Hoffnungsvolle Erwartungen an das Leben trifft man kaum noch an. Er beschwert sich lieber über die Dinge, die nicht so sind wie er es sich wünscht, anstatt aktiv entgegen zu wirken. Sicher mag es Ausnahmen geben, doch die verstecken sich dann gekonnt vor meiner Wahrnehmung.

Viele versuchen nach Außen glücklich und bestrebt zu wirken, ertragen aber kaum die Schwere ihrer Ernüchterung im Inneren. "Alles wird gut" – das ist nur noch eine Phrase, die zwar gerne benutzt, aber nicht mit viel Ernsthaftigkeit behaftet ist. Jammern ist heutzutage groß geschrieben, alle verweichlichen und sind wehleidig. Man suhlt sich in seinem eigenen Leid und genießt das Mitleid und die Aufmerksamkeit, die man von anderen Gefühlshypochondern bekommt. Gemeinsam klagen über die böse, böse Ungerechtigkeit der Welt – oder gemeinsam einsam.

Trotz rund 6,75 Milliarden Menschen auf dieser Welt, beweinen so viele ihre Einsamkeit. Das Gefühl des Allein seins hält auch bei großen Menschenansammlungen an, weil niemand den Weg mit einem geht, wir laufen nur nebeneinander her. Es gibt tausend Gedichte über die Liebe, die nicht erwidert wird oder über das erdrückende Gefühl der Vereinsamung und des Rückzuges vor der Grausamkeit der Realität. Lieder über enttäuschende Liebesgeschichten, die Hoffnungslosigkeit und den Verlust eines Gefühls, das eigentlich so überwältigend sein sollte, uns aber nur durch die Masse an unerträglichen Schmerzen umhaut, ertönen jeden Tag im Radio. Fröhliche Loblieder auf das Leben, das wir uns in unseren kühnsten Träumen ausmalen, klingen unnatürlich und aufgesetzt. So wie die Menschlichkeit an sich.

Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Beständigkeit – Das sind Qualitäten die ich mir wünsche. Für euch, für mich, für uns. Erwachen zu neuem Leben. Sind wir Menschen, oder sind wir Schmerz, Leid und Angst vor dem was vor uns liegt und was wir sind?

Wegweiser

oder “Wo wären wir, wenn wir nicht wären wo wir sind?

Erzählt mir etwas, dass von Bedeutung ist. Zeigt mir, dass die Menschen bedeutsam sind. Ist unser Leben, unsere Anwesenheit von bedeutender Wichtigkeit?

Denkt ihr auch manchmal, dass wir in einer vollkommen falschen Welt leben? Was wäre jetzt, wenn Entscheidungen anders getroffen wurden wären? Wo wären wir jetzt? Was wären wir? Mit wem wären wir? Wären wir überhaupt noch?

Könnte ich dann diese Zeilen schreiben, könntet ihr sie lesen?

Jede noch so kleine Entscheidung die getroffen wird, bringt Folgen mit sich. Nicht nur für unser eigenes Leben, unbewusst auch für das Leben einiger Anderer. Diese müssen uns nicht mal bekannt sein, es können völlig fremde Menschen sein.

Wenn wir uns entscheiden einen bestimmten Weg zu gehen, lassen wir die anderen Möglichkeiten hinter uns. Somit entgeht uns womöglich die Chance einen Menschen zu treffen, der für unser weiteres Leben von Bedeutung sein könnte, ohne dies auch nur ahnen.

Welche Tragweite unseren tagtäglichen Entscheidungen, und seien sie noch so unbedeutend in der Masse, eigentlich haben ist uns nicht im Geringsten bewusst. Würden wir einen anderen Weg nehmen, wären mit den gleichen Folgen zu rechnen. Dann wären wir nicht da, wo wir jetzt sind.

Doch stellt euch nur die unheimliche Zahl an möglichen Leben vor, die wir unbewusst ausgeschlossen haben und die nun nie gelebt werden können.

Doch ist es wirklich von Bedeutung in einer schnelllebigen Zeit, in der man nur vor sich hin lebt? Man kann nicht alles planen, nicht jede Variante abwägen oder gar vorhersehen, nicht jedes Risiko kalkulieren. Aber wäre es nicht unglaublich interessant erfahren zu können was passiert wäre, hätte man zu einem bestimmten Zeitpunkt im Leben eine Entscheidung anders getroffen?

Manchmal wünsche ich mir, einfach zu einem bestimmten Punkt zurück reisen zu können, mit dem Wissen das ich jetzt habe. Ich würde viele Dinge ungeschehen machen wollen, würde Entscheidungen anders treffen und mich um bestimmte Menschen mehr bemühen.

Doch woher weis man, welcher der richtige und welcher der falsche Weg ist? Vielleicht braucht man einen Wegweiser, der hilft den besseren zu wählen. Doch wie? In einer Welt aus millionen verschiedener Möglichkeiten, gibt es da wirklich die eine ultimative Wahl? Oder bringen sie uns letztendlich alle zum gleichen Ziel?

 

„Der schlimmste Weg, den man wählen kann,

ist der, keinen zu wählen.“

Ein Stückchen Liebe

oder „Die Geschichte eines Mädchens, das einfach nur geliebt werden wollte.“

Jenny sitzt in ihrem Bett, die Decke bis unters Kinn gezogen, die Beine angewinkelt und dicht an den Körper gezogen. Sie versucht, sich krampfhaft ein Lächeln auf die Lippen zu zwingen. Lass es ihn nicht merken, reiß dich zusammen. Sie sah ihm dabei zu, wie er seine Sachen zusammen suchte und sich Stück für Stück wieder anzog. Kann er sich denn nicht beeilen? Jenny hatte Tom erst an diesem Abend kennengelernt und so wie es aussah, sollte die Bekanntschaft nicht weiter vertieft werden. Sie war es mittlerweile gewohnt und ärgerte sich trotzdem ungemein über ihre eigene Dummheit. Wieder bist du auf so einen Idioten hereingefallen, der dir erst die schönsten Dinge erzählt, dich dann flachlegt und den du danach nicht wiedersiehst. Es wäre zumindest zu hoffen, dass du den hier nicht so schnell wieder unter die Augen bekommst.

Tom war mittlerweile wieder vollständig angekleidet und suchte wohl nur noch nach seinen übrigen Habseligkeiten, die überall in Jennys Wohnung verteilt waren. Wenn der Typ mir gleich einen Abschiedskuss geben will, flippe ich glaube endgültig aus. Und er tat es. Er kam auf Jenny zu, stützte sich aufs Bett und beugte sich zu ihr und gab ihr einen Kuss auf die Lippen. Dann sagte er noch sowas wie „Ich melde mich dann bei dir.“ und verschwand durch die Haustür. Wie will er sich nur, ohne meine Nummer zu haben, melden? Lächerlich! Jenny spürte, wie die Wut in ihr wuchs. Sie kramte in ihrer Handtasche und steckte sich eine Zigarette an. Sie zog kräftig an ihr, die Glut bewegte sich schnell in Richtung des Filters. Es tat gut und Jenny spürte, wie sie sich langsam wieder beruhigte. Sie war mittlerweile regelrecht abgestumpft, immerhin kannte sie dieses Spiel zur Genüge. Seit über einem Jahr lief es immer wieder gleich ab. Sie lernte jemanden kennen, entwickelte Interesse, der Kerl will nur seinen Spaß. Ein nicht enden wollender Kreislauf, und Jenny mittendrin.

Ich sollte echt aus meinen Fehlern lernen. Einfach niemanden mehr an mich ran lassen, es endet ja doch nur in einer riesigen Enttäuschung. Warum ließ Jenny sich nur immer wieder auf die falschen Typen ein? Diese Frage konnte sie selbst nicht beantworten. Sie schob es auf irgendeinen obskuren Fluch, der über ihr lag, aus welchem Gründen auch immer. Sie bekam das dringende Gefühl sich zu duschen, das bekam sie jedes Mal. Sie fühlte sich schmutzig, benutzt und wie eine leere Hülle. Ohne Gefühle, ohne Herz. Sie drückte die Zigarette aus, schlug die Bettdecke zur Seite und stand auf. Sie machte sich gar nicht erst die Mühe sich etwas anzuziehen, sondern ging direkt ins Badezimmer. Sie holte sich ein frisches Handtuch aus dem Schrank und legte es sich bereit. Das alles geschah so routiniert, als wäre es ein Theaterstück, welches sie Monate lang einstudiert hatte, bis sie es ohne Fehler beherrschte. Sie musste lachen. Und wieder das gleiche Szenario. Es ist so armselig. Was machst du da nur aus dir?

Sie stieg in die Dusche und drehte den Wasserhahn auf. Sie fuhr zusammen, als der kalte Wasserstrahl sie traf und sie unsanft in die Realität zurück holte. Es dauerte ein paar Sekunden, ehe es wärmer wurde. Sie ließ das heiße Wasser über ihr Gesicht laufen, genoss jeden einzelnen Tropfen auf ihrer Haut, der nach und nach die Schande von ihr wusch. Dumm bist du. Dumm, dumm, dumm. Und einfältig, wobei leichtgläubig es noch besser trifft. Wieso nur fällst du immer und immer wieder aufs Neue drauf rein? Hast du es denn wirklich so nötig? Ja, das hatte sie. So sehr sehnte sich Jenny nach ein wenig Zuwendung, ein bisschen Aufmerksamkeit. Sie nahm alles andere dafür in Kauf, nur um sich in diesem kurzen Moment begehrt zu fühlen. Der Wunsch nach einem Partner, war in den letzten Monaten ins unerträgliche gewachsen. Jennys Leben fühlte sich leer an, irgendwie nicht vollständig. Wahrscheinlich war das der Grund, warum sie sich diese Qual wieder und wieder antat. Sie hoffte darauf, dass der Richtige dabei war.

Der Richtige. Das klingt nach all dem was war so banal. Gibt es ihn? Wahrscheinlich nicht für mich. Wie sagte Markus letztens: Es gibt nicht the right one, nur the almost right. Wie recht er doch hat, aber nicht mal das ist mir vergönnt. Sie hatte es sich im Duschbecken bequem gemacht und genoss die wohltuende Wärme, die der Wasserstrahl spendete. Unter der Dusche kann Jenny am Besten nachdenken. Sie ließ den Abend noch einmal Revue passieren. Sie war in ihrer Stammkneipe gewesen, dort hatte Tom sie angesprochen. Normalerweise ging sie nicht oft alleine weg, doch an diesem Abend konnte sie das allein sein nicht ertragen. Jenny musste unter Menschen. Dieses Bedürfnis hatte sie nicht oft, prinzipiell war sie lieber für sich. Wär ich doch nur Zuhause geblieben, dann hätte ich mir den Ärger erspart. Das dachte sie sich wohl jedes Mal, doch trotz allem tat sie es immer wieder. Wie soll ein Mensch auch dauerhaft gegen die ureigenen Bedürfnisse ankämpfen? Irgendwann wird der Drang zu groß und man gibt ja doch wieder nach. Bei Jenny jedoch nahm das langsam ungesunde Züge an. Sie hatte sich schon lange geschworen Nein zu sagen, nur in der Umsetzung zeigten sich da noch deutliche Defizite.

Dieses Mal wird sich wirklich grundlegend etwas ändern. Jetzt ist wirklich Schluss, ich hab endgültig genug davon. Mir reicht’s. Wenn es nicht sein soll, dann eben nicht. Ich schwöre der Liebe ab. Sie hat mir nichts mehr zu bieten, außer immer neuen Schmerzen und Enttäuschungen. Auch das waren keine sonderlich neuen Worte. Zu oft hatte sie sich das schon vorgenommen, und doch nie halten können. Tom hatte ihr den ganzen Abend Komplimente gemacht, sie nach allen Regeln der Kunst um den Finger gewickelt. Jenny hatte es wieder nicht gemerkt, dass sie hier einem Könner auf den Leim ging. „Du hast so wunderschöne Augen“, das sagten ihr ausnahmslos alle Typen. Früher fand sie das auch. Ihre Augen waren, so fand sie, das Schönste an ihr. Doch langsam verloren sie ihren Glanz. Mit der stetig abnehmenden Zuversicht, verflüchtigte sich jegliches Glitzern, das früher mal zu erkennen war. Unterdessen war Jenny aus der Dusche gestiegen und griff schnell nach ihrem Handtuch, denn die kalte Luft der Wohnung legte sich sofort um ihren nassen Körper. Sie begann augenblicklich zu frieren. Sie trocknete sich flüchtig ab und schlüpfte in ihren Bademantel. Mit den noch feuchten Füßen, ging sie zügig über den kalten Laminatboden in Richtung Bett. Jenny ließ sich schwungvoll in ihr Bett fallen, griff nach der Decke und vergrub sich unter ihr. Da lag sie nun wieder. Allein. Sie blickte sehnsüchtig auf den leeren Platz neben sich. Wie schön es doch wäre, jetzt nicht allein zu sein. Nur eine Umarmung, ein ernst gemeinter Kuss. Ach, dumm bist du. Du bist doch nur eine Hülle. Das ist es, was alle in dir sehen und du machst es selbst aus dir. Wach auf Mädchen! Seh die Welt wie sie ist.

In ihren Augen sammelten sich langsam die Tränen. Jenny zog die Decke noch ein Stückchen höher, vergrub ihr Gesicht gänzlich darin. Die Decke wurde feucht, durch die salzigen Beweise ihrer Ernüchterung. Nur ein bisschen Liebe, jetzt in diesem Moment. Ist das zu viel verlangt? Zu viel, um mir zu zustehen? Das war ihr letzter Gedanke, bevor sie die Augen schloss und einschlief. Und es würde der Erste sein, wenn sie wieder erwacht. Bis zum nächsten Mal, wenn sie wieder, geblendet durch ihr hoffnungsvolles Erwarten, enttäuscht wird. Das ist Jennys Leben. Ohne die baldige Aussicht auf Besserung, wie eine unheilbare Krankheit, die man im Stillen verflucht und der man sich doch jeden Tag erneut stellt.

[Themenwunsch von Nadine. Ich hoffe es ist zu deiner Zufriedenheit.]

„Zeugen – für das was war und was ist“ Teil 4

Was dann passiert ist fast immer gleich. Ich merke, wie sich in mir eine Unruhe breit macht. Mein ganzer Körper fängt an zu kribbeln, wie eine Art leichtes Vibrieren. Alles um mich herum beginnt zu verschwimmen. Die Menschen scheinen sich plötzlich in Zeitlupe zu bewegen. Es kommt mir vor, als ob sie mich alle anstarren, mit dem Finger auf mich zeigen und jedes gehässige Lachen meiner Dummheit gebührt. Ich fühle mich unglaublich allein gelassen – Nur ich gegen den Rest der Welt? Ich ergreife die Flucht. Mein Blick schweift noch einmal über die Masse. Ich sehe ihn und er steht da mit einer Anderen. Er lacht, er lacht mich aus. Meine Freundin nirgendwo aufzufinden. Ich laufe los. Es beginnt zu regnen. Wasser. Ich liebe Wasser. Ich schaue nach oben, lass die Regentropfen direkt auf mein Gesicht prasseln. Ich biege in eine Seitenstraße ein. Hier sind kaum noch Menschen unterwegs, es ist angenehm dunkel hier. Ich setze mich an einen Hauseingang. Ich denke immer: Irgendjemand muss doch spüren, wie schlecht es mir geht. Warum versucht niemand mich davon abzuhalten, gibt mir einen Grund es nicht zu tun? Etwas Positives, dass das Negative aufwiegen kann. Aber nie passiert irgendetwas. Dann beginnt dieses Gefühl, als würde mir irgendetwas den linken Oberarm abschnüren. Es fühlt sich an, als würde sich jede kleine Muskelfaser zusammen ziehen und sich vorbereiten. Meine ganze Aufmerksamkeit liegt dann auf diesem einen Punkt meines Körpers, der Rest bleibt unbeachtet, regelrecht ausgeblendet. Ich spüre alles viel bewusster, merke wie der leichte Wind die Hautoberfläche streichelt, kann jeden Regentropfen wahrnehmen. Ich betrachte die vergangenen Male, längst verheilt, doch jedes erzählt seine Geschichte. Der Wunsch, das heiß geliebte Messer zu nehmen, wächst. Die Hände suchen schon unbewusst danach. Wieso hab ich ein Messer dabei? Wir brauchten am Tag zuvor einen Flaschenöffner, daran ist ebenfalls ein Messer. Ein Zufall trifft auf den Nächsten. So ist es doch immer im Leben. Da ist es, die Kühle der Klinge ist präsent. Es liegt locker in der Hand, als müsste es genau dort hin gehören – in meine Hand. Ich führe es zum Arm, lege es ab. Die Kälte durchflutet den ganzen Köper.

Der erste Schnitt bedeutet Welten. Er ist die Erlösung, er bringt Ruhe in den Körper. Der erste Schmerz ist immer der Intensivste. Ihn genieße ich am meisten. Ich lehne mich zurück, atme tief und warte ab, bis der Schmerz langsam nachlässt. Mit dem ersten Schnitt kommen meist die Tränen. Als würde dieser kleine Schnitt – nicht zu tief, nur gerade so, dass Blut austritt – eine Last von mir nehmen und mich befreien. Die nächsten Schnitte lichten den Schleier. Sie lassen jedes Wort, jede Tat der Peinigung verblassen. Mit jedem Schnitt merke ich, wie mein Geist klarer wird. Mit jedem Schnitt werden meine Gedanken präziser. So viele Schnitte wie nötig, ich zähle sie nicht. Meist schließe ich die Augen und setze einfach immer wieder an. Ein bisschen Druck auf das Messer und dann der schnelle Schnitt. Dann kommt das Blut. Es symbolisiert die Kraft und das Leben. Dies ist der Moment der Kampfansage. Ich muss in diesem Moment an ein Lied denken, in dem heißt es: „Wait another minute. Can’t you see what this pain has fucking done to me. I’m alive and still kicking”. Meine ganz persönliche Nachricht an alle, die mich verarscht haben und es noch tun werden. Das ist der Moment in dem ich Kraft sammle um weiter zu machen, dann wenn das Blut fließt. Ich schaue ihm dabei zu. Erst bilden sich kleine Tropfen hier und da. Dann sammelt es sich an machen Stellen und wenn es genug ist, dann fängt es an zu fließen. Habt ihr Blut schon einmal beim Fließen zugeschaut? Es ist ganz anders als Wasser. Es bahnt sich viel bedächtiger den Weg am Arm herunter. Als würde es den Gesetzen von Raum und Zeit trotzen können und nicht der Hetze dieser Welt unterliegen. Ein bisschen Ruhe. Blut bedeutet Leben, Blut bedeutet es ist noch nicht vorbei.

Wenn ich darüber schreibe, ist es als würde ich diese Situation noch einmal erleben. Jedes Gefühl, jeder Gedanke ist wieder da. Selbstreflexion, das ist etwas, dass ich mittlerweile sehr gut kann. Mich Selbst, mein Fühlen, mein Denken, mein Handeln Revue passieren lassen. Ich weiß, dass es schockierend für euch sein mag solche Zeilen zu lesen. Das kann ich durchaus verstehen. Auch ich habe bereits Dinge hautnah erlebt, die mir den Atem haben stocken lassen. Ihr müsst wissen, es sind kleine Schnitte. Sie sind nie sonderlich tief und verheilen schnell. Was ich gesehen habe, waren tiefe Schnitte bis hinein in das Muskelgewebe des Unterschenkels, verursacht durch ein grob gezacktes Brotmesser. Das ist etwas, das ich nie könnte – Mich so sehr vergessen. Dieser Herr, der hier sein Spiel mit dem Küchenmesser trieb, spielte auch mit mir. Ich hab ihm helfen wollen, obwohl ich wusste, dass er ein übles Spiel betrieb. Doch ich konnte und wollte nicht akzeptieren, dass er sich einfach so aus der Verantwortung stiehlt – der Verantwortung gegenüber seiner Kinder. Ständig redete er von Selbstmord, dass nichts mehr einen Sinn hätte. Er hatte damals seine Freundin und die Kinder verlassen, weil er um seine Freiheit fürchtete. Und nun, als er erfuhr, dass die Verlassene neues Glück gefunden hatte, wollte er sie zurück haben und das um jeden Preis. Ich weiß nicht, was damals in seinem kranken Hirn vor sich gegangen sein muss. Ich wusste nur, dass ich etwas tun musste, ihm Wohle der Kinder und ihrer Mutter, auch wenn sie mir unbekannt war. Er droht damit, ihr Glück zu zerstören, das konnte ich nicht zulassen. Ich weiß es noch, als wäre es Gestern gewesen. Es war zur Zeit meiner praktischen Prüfung, ich stand eh ziemlich unter Strom und dann auch noch diese zusätzliche Belastung. Ich weiß nicht, warum ich mich seiner angenommen habe. Vielleicht, weil er mir leid tat, so kaputt wie er war. Hätte mir ein guter Freund damals nicht die Augen geöffnet, ich wäre vielleicht selbst in diesen Strudel geraten. Er stellte nicht nur eine Gefahr für sich, sondern vor allem für andere dar. Er bedrohte, belästigte und verfolgte Menschen, so auch mich. Er hätte Hilfe gebraucht, professionelle Hilfe. Er war unberechenbar. Ich bin das nicht. Auch wenn es nicht so scheint, doch selbst wenn ich mich ritze, behalte ich immer die Kontrolle. Wenn ich es nicht will, dann muss ich es nicht tun. Es ist meine Entscheidung. Ich weiß, dass es schwer fallen muss, das zu glauben, doch genau so ist es. Ich lasse mir von niemanden sagen, ich solle eine Therapie machen, in der mir dann von Möchtegernpsychologen eingeredet wird ich wäre krank und müsse irgendwelche Medikamente nehmen. Wenn ich nicht mehr ritzen will, dann kann ich aufhören. Das unterscheidet mich von psychisch kranken Menschen. Es stand nie in irgendeiner Form zur Debatte, dass ich mir mehr antue als das. Ich liebe mein Leben viel zu sehr, als das ich es einfach so aufgeben würde. Dazu hält mich noch zu viel hier. Die Menschen, die übrig geblieben sind – Meine Freunde. Aber wieso versuche ich schon wieder Rechtfertigungen zu finden? Weil ich es immer musste wahrscheinlich. Mich für mein Handeln rechtfertigen. Keine Rechtfertigungen mehr.

Dieser Text, soll nicht animierend sein es auch zu tun. Er soll helfen zu verstehen und akzeptieren zu können. Jeder muss für sich selbst herausfinden, was ihm hilft mit seelischem Schmerz umzugehen. Für mich ist es das – körperliche Schmerzen. Denn ich kann selbst entscheiden, wann es beginnt und wann es endet. Ich lasse mich von euch nicht verurteilen. Es ist mein Köper, mein Blut, mein freier Wille. Keine Rechtfertigungen. Keine weiteren Erklärungen. Alles gesagt.

Tanzend im Gras

[Auch was Altes.]

Ich hatte das Privileg eine wundervolle Frau kennenzulernen. Nennen wir sie Frau Decker. Es war noch zu meiner Schulzeit. Ich machte damals meinen betriebspraktischen Unterricht (bpU; alle 2 Wochen einen Tag) bei der mobilen Pflege. Frau Decker war sozusagen meine erste Patientin. Bei ihr bzw. mit ihr verbrachte ich die meiste Zeit während meines bpU. Ich half ihr im Haushalt, kochte ihr den heißgeliebten Kaffee, wusch ihre Wäsche und als Gegenleistung erzählte sie mir von ihrem Leben.

Frau Decker war früher Schwester in einem Kurhaus gewesen und hatte damals den Doktor geheiratet. Sie sprach immer von ihm als “mein lieber Doktor”, nur sehr selten benutzte sie die Bezeichnung Ehemann. Sie erzählte mir, wie schwer sie und ihr Doktor es zu Beginn hatten ihre Liebe zu leben, da es ihnen nicht leicht gemacht wurde. Sie berichtete, wie sie die Kriegszeit erlebt hat und noch so viel mehr. Sie zeigte mir jedes ihrer Fotoalben und zu jeder Seite im Album gab es die passende Geschichte. Ich genoss die Zeit und ihr ging es genauso. Sie bekam immer ganz rosige Wangen wenn sie erzählte und ein glitzern in den Augen. Sie war mittlerweile ans Bett gefesselt, konnte nicht mehr gehen. Eingepfercht in dieses kleine triste Zimmerchen. Ihr lieber Doktor war schon vor vielen Jahren verstorben. Seitdem hatte sie niemanden mehr, sie war allein auf der Welt. Eine einst starke Frau, die von Leben gezeichnet war. Ich empfand tiefes Mitleid mit ihr wenn ich sie so da liegen seh, gequält von den Schmerzen. Sie erzählte mir immer von ihrem Wunsch, noch ein Mal durch den Schnee zu laufen oder nur noch ein einziges Mal bei einem Regenschauer durchs Gras zu tanzen. Immer mit der traurigen Gewissheit in ihrer Stimme, dass dieser Wunsch unerfüllt bleibt.

Einmal gewährte sie mir Zutritt zu ihrem wohl bestgehüteten Geheimnis, dem Arbeitszimmer ihres Ehemanns. Ich betrat diesen Raum (er war sonst abgeschlossen gewesen, sie bewahrte den Schlüssel dicht an ihrem Herzen auf) und ich fühlte mich in die Vergangenheit zurück versetzt. In der Mitte des Zimmers stand ein großer dunkler Schreibtisch aus Massivholz. Die Wände waren mit Holzvertäfelung versehen und überall hingen eindrucksvolle Landschaftsbilder. Ich konnte mir den Doktor sehr gut vorstellen, wie er hinter seinem Schreibtisch saß und mit seinen Patienten redete. Mit diesem typischen ernsten Blick, als könnte ihn nichts erschüttern aber doch mit einer gewissen Sanftheit, so wie er auch auf den Bildern abgebildet war. Dieser Raum strahlte eine unglaublich faszinierende Wirkung aus.

Frau Decker und ich hatten damals einfach zu wenig Zeit. Viele Geschichten warteten noch darauf erzählt zu werden, doch mein bpU ging nur über ein halbes Schuljahr. Heute habe ich erfahren, dass Frau Decker vor wenigen Wochen verstorben ist. Jedes Mal wenn ich an ihrem Haus vorbei ging, blickte ich zu dem kleinen Fenster hinauf und fragte mich, was sie wohl gerade tat. Ich stellte mir vor, wie sie einem anderen wissbegierigen Schüler ihre Geschichten erzählt und wie ihre Augen dabei zu glänzen beginnen.

Ich bewahre sie mir tanzend im Gras in Erinnerung, während der Regen die Welt zum glänzen bringt und der Wind die passende Melodie pfeift…