[WICHTIGER HINWEIS: Dies ist keine Gute-Nacht-Geschichte! Ich würde jedem der traumatische Erlebnisse hinter sich hat oder gegebenenfalls Triggergefährdet ist davon abraten ihn zu lesen. Hier geht es um Gewalt und ist nicht für jedermann zu verkraften. Bitte nehmt die Warnung ernst und überlegt euch zweimal ob ihr weiter lest.]
Kira stand einfach nur da und lies den Blick über die unendlichen Weiten aus Sand schweifen. Seit Tagen, so schien es ihr, irrte sie durch die Wüste und ihre Füße wollten sie nicht weiter tragen. Ihre Lippen waren aufgesprungen und blutig, ihre Lungen schmerzten bei jedem Atemzug. Ihre Wasserreserven waren längst aufgebraucht und wohin sie sah, war nichts außer Sand. Ihre Knie gaben unter ihrem Gewicht nach und sie sackte kraftlos zu Boden. Die Sonne prasselte unnachgiebig auf sie herab, als sie da lag und in den strahlend blauen Himmel blickte. Doch dieser hier verhieß nichts Gutes, er kündete ihren baldigen Tod an. Lange konnte sie nicht mehr ohne Wasser und Nahrung überleben und die Kräfte reichten nicht mehr aus, um aus diesem Labyrinth herauszufinden. Die Dünen bäumten sich auf wie Mauern, aus denen es für sie kein Entrinnen mehr gab. Kira musste die Augen zusammenkneifen, denn die blendende Sonne stach wie Feuer in ihnen. Wie sehr wünschte sie sich in diesem Moment eine Wolke, nur einen Regentropfen auf den spröden Lippen, um den ausgetrockneten Mund zu befeuchten. Wieso suchte eigentlich niemand nach ihr? Irgendjemand musste sie doch vermissen und alle Hebel in Bewegung setzen, um sie hier draußen aufzuspüren. Doch nichts passierte, keiner versuchte sie zu finden. Weil niemand mehr da war. Sie musste husten und krümmte sich vor lauter Schmerzen. Sie wusste, dass sie hier sterben würde. Alleine, umgeben von Sand und im Angesicht der Sonne, die ihr allmählich die Haut verbrannte.
Kira schreckte auf und blickte sich um. Wo war sie? Sie bemerkte die salzigen Tränen, die sich ihren Weg über ihre Wange bahnten. Sie erkannte ihr Schlafzimmer, schemenhaft zeichnete sich der große Kleiderschrank an der Wand gegenüber ab. Sie atmete erleichtert auf, es war nur ein Traum. Ein Alptraum unter vielen in der letzten Zeit. Seit Wochen schlief sie keine Nacht mehr durch, ständig hielten die Träume sie wach. Ein kalter Schauer durchschoss Kiras Körper, sie fror schrecklich. Das Fenster stand weit offen, er musste vergessen haben es zu schließen. Nur die Milliarden Sterne erhellten den dunklen Nachthimmel. Kira konnte ihren Blick nicht von ihnen abwenden. Wie gerne wäre sie einer von ihnen, dann wäre alles einfacher. Sie könnte für immer dort oben am Himmel leuchten und den Menschen ein wenig Licht spenden. Doch sie lag hier und die Realität holte sie unsanft wieder ein. Ihre Handgelenke schmerzten so sehr von den Seilen, mit denen sie an das Bett gefesselt war. Die Haut war aufgeschürft und blutig. Bei jeder Bewegung merkte sie die Spannung auf der Muskulatur ihrer Schultern, die durch die dauerhafte Überstreckung müde war. Sie hatte Durst, ihr Mund war ganz trocken und der Versuch, die Lippen anzufeuchten blieb ohne Erfolg.
Ein schmaler Lichtstrahl flackerte unter der Tür auf, das Licht im Flur wurde angeschaltet. Ihr Herz begann augenblicklich zu rasen, so als wollte es ihren Brustkorb sprengen, um diese Folter endlich zu beenden. Sie hörte Schritte den Gang entlang näher kommen. Sie wusste, dass sie gleich wieder in die Augen ihres Peinigers blicken würde und sie konnte sich nur entfernt ausmalen, was er diesmal mit ihr anstellen würde. Die Tür öffnete sich mit einem beängstigenden Knarren, welches weitere Schmerzen voraus sagte. Das fahle Licht der Lampe warf einen Schatten vor die muskulöse Erscheinung, die langsam im größer werdenden Schlitz zwischen Tür und Rahmen auftauchte. Er reichte bis zu Kira hinüber, die vor Angst zitternd im Bett lag, unfähig wegzulaufen oder sich zu wehren. Sie musste es einfach über sich ergehen lassen. Augen zu und durch, dieser Spruch schoss Kira in diesem Moment in den Kopf. Sie hasste Sprichwörter, spätestens jetzt. Sie blickte in Richtung Tür, wo er immer noch stand und sie beobachtete. Er schien es zu genießen sie leiden zu sehen. Sie sah nur eine große schwarze Gestalt, mehr konnte sie durch das Licht, das hinter ihm ungeduldig aufflackerte, nicht erkennen. Konnte keinen Blick auf seine Augen erhaschen. Diese eiskalten Augen, die nichts als Hass beherbergten. Eine bittere Träne lief an Kiras Wange hinunter und verteilte sich über ihre Lippen. Sie versuchte stark zu sein, sich ihre Angst nicht anmerken zu lassen. Bloß keine Schwäche zeigen, das will er doch nur.
Er machte einen Schritt weiter in den Raum hinein, einen Schritt weiter in ihre Richtung. Eine weitere Träne bahnte sich ihren Weg und sie unterdrückte den Hilfeschrei, der eh von niemandem gehört werden würde. Er schloss die Tür hinter sich. Nun lag das Zimmer wieder im Dunklen, nur die Sterne warfen ihr weniges Licht in den Raum. Nun stand er vor ihr und sah auf sie herab. Kira fühlte sich so unglaublich klein in diesem Moment. Hilflos und unfähig. Er hielt etwas in der Hand. Kira konnte es zwar nicht erkennen, aber sie wusste genau was es war. Das Messer, mit dem er sie seit Wochen immer wieder massakrierte. Sie sehnte sich den Tod herbei. Konnte er es nicht einfach zu Ende bringen?
Die düstere Gestalt setzte sich neben sie auf die Bettkante und streichelte ihr über das tränenverschmierte Gesicht. „Weine doch nicht Prinzessin, ich bin doch bei dir! Du brauchst nun keine Angst mehr haben.“ Er strich die klebrigen Haarsträhnen zur Seite und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Sei ganz leise.“ Die Sanftheit in seiner Stimme, als er diese Worte aussprach, ekelten sie an. Da lag sie nun, völlig entblößt und frierend. Ihrem Vergewaltiger wehrlos ausgeliefert. Er hob das Messer und fuhr damit an ihrem Oberkörper entlang. Seine Atmung wurde schwerer, sie wusste wie sehr er das genoss. Kira biss sich unsanft auf die Lippen und der metallische Geschmack des Blutes vermischte sich mit den salzigen Tränen. In Erwartung des ersten Schnittes verharrte sie in einer angespannten Starre. Gleich war es wieder so weit. Gleich würde die Klinge wieder in ihr einst zartes Fleisch fahren und eine neue Schnittwunde hinterlassen. Ihr ganzer Körper war übersät damit. Überall war getrocknetes Blut, sogar das Bettlaken war schon vollends mit ihrem Lebenssaft getränkt. Er schnitt zu und der Schmerz durchzuckte erneut ihren ganzen Körper. Sie spürte wie das kalte Blut zu fließen begann. Diesmal hatte er an der Seite angefangen. Es würden noch viele Schnitte folgen, das wusste sie nur zu genau. Er beugte sich weiter über sie und leckte das frische Blut von ihrer Haut. Sein Speichel brannte unangenehm in der frischen Wunde. Sie blickte mit ihren tränennassen Augen in den Sternenhimmel und blendete alles um sich herum aus. Sie wollte es nicht spüren, wenn er sich wieder an ihr vergeht. Kira konnte und wollte nicht mehr spüren, wie er sie erneut demütigte. Da oben leuchteten die Sterne und luden sie zu sich ein. Sie ließ sich zu ihnen tragen und ruhte zwischen ihnen, bis es endlich vorbei sein würde. Er lebte seine ganze kranke Phantasie an ihr aus, doch sie merkte es nicht mehr, denn sie war längst bei den Sternen angekommen.
Sie wusste nicht wie lange es gedauert hatte, bis er endlich wieder von ihr abließ. Als sie wieder zu sich kam, war er schon wieder aus dem Zimmer verschwunden. Was blieb waren die Schnitte, die ihren Körper bald gänzlich bedeckten und die unerträglichen Schmerzen in ihrem Unterleib. Völlig erschöpft schloss sie die Augen, den Blick gen Himmel gerichtet.
Kira rannte. Sie stolperte über spitze Steine und riss sich ihr Gesicht an herabhängenden Ästen auf. Überall um sie herum ragten dicke Baumstämme in den Nachthimmel. Sie versuchte ihnen zu entkommen, doch es gelang ihr nicht. Der Wald wirkte undurchdringbar, sie sah kein Licht, keinen Ausgang am Ende des Waldes. Da waren nur sie, tausende Bäume und die Geräusche des Waldes. Weit entfernt hörte sie eine Eule heulen, so als würde sie die geliebte Nacht verfluchen. Der Schrei ging durch Mark und Bein. Kira stürzte unsanft zu Boden, als sie an einer aus dem Boden ragenden Wurzel hängen blieb. Sie prallte mit dem Kopf auf den Waldboden, der mit Tannennadeln bedeckt war und ihre Stirn mit Schmutz bedeckte. Sie drehte sich auf dem Rücken und versuchte durch die dichten Baumkronen ein Stück des Himmels zu entdecken. Es gelang ihr nicht. Das dichte Blätterwerk ließ nichts herein und nichts hinaus dringen. Da waren sie wieder, die Schritte die sich ihr schnell näherten. Unter dem Gewicht des Verfolgers krachten die Zweige so laut, dass es sich anhörte, als stände er direkt neben ihr. Kira versuchte sich zu orientieren. Wo musste sie hin? Welche Richtung sollte sie einschlagen? Sie rappelte sich schnell hoch und rannte einfach los. Vielleicht dem Fremden direkt in die Arme. Immer wieder blickte sie zurück, nach rechts, nach links, doch nichts war zu sehen. Nur die Stämme und Büsche. Die Schritte schienen näher zu kommen, immer deutlicher konnte Kira sie hören. Bald wird er sie eingeholt haben. Vielleicht springt er gleich neben ihr aus dem Dickicht. Sie versuchte noch einmal alle Kräfte zu sammeln und schneller vorwärts zu kommen. Ganz weit entfernt konnte sie ein Licht ausmachen. Sollte es vielleicht die rettende Freiheit sein? Sie bekam kaum noch Luft, so sehr zerrte die Erschöpfung an ihr, versuchte sie zum Aufgeben zu zwingen. Doch Kira war ein Kämpfer, sie biss die Zähne zusammen und sprang über eine Wurzel nach der anderen, duckte sich unter dicken Ästen hindurch, kämpfte sich durch die Büsche, deren Stacheln ihre ganze Haut verletzten. Das war jetzt nicht wichtig, sie musste aus dem Wald entkommen. Die Lichtung kam immer näher, doch ebenso die schwerfälligen Schritte. Auch sie hatten an Tempo zugelegt. Ängstlich blickte sie zurück und sah ihn, nur wenige hundert Meter hinter sich. Die roten Augen stachen hervor wie Rubine, sie fixierten sie und lechzten danach sie zu bekommen. Bald hätte sie es geschafft, Kira durfte jetzt nur nicht aufgeben. Die Baumreihen lichteten sich allmählich und sie konnte das grüne Gras der Wiese erkennen. Sie wollte sich einfach hineinfallen lassen, ganz unbeschwert und sicher. Da packte sie etwas am Fuß und riss sie zu Boden. War sie wieder an einer Wurzel hängen geblieben? Ihre Zahnreihen waren unsanft aufeinander geprallt und ihre Zunge pochte schmerzhaft. Sie streckte ihren Arm aus. Das Gras, das saftige grüne Gewächs war zum greifen nahe. Sie schaffte es, sich an einem Büschel festzukrallen, doch dann wurde sie mit einer Leichtigkeit wieder zurück ins Dunkel gezogen. Kira schrie auf. Sie schrie um Hilfe, doch niemand hörte sie. Weil niemand mehr da war. Nur das gehässige Lachen des Dämons, das den ganzen Wald erfüllte, war noch da.
Kira schlug die Augen auf. Das Tageslicht stach in ihren müden Augen. Sie wusste nicht wie lange sie geschlafen hatte, wie viele Tage sie dieser Folter schon ausgeliefert war. Kira war müde, sie hatte kaum noch Kraft die Augen offen zu halten. Das Atmen fiel ihr schwer, bei jedem Atemzug schien sie ihre Lungen bis zum Äußersten zu strapazieren. Sie nahm ihre Umgebung nur noch verschwommen wahr. Ihr Körper war wohl so sehr ausgetrocknet, dass er keine Kraft mehr aufbringen konnte. Wann hatte sie das letzte Mal etwas zu essen bekommen, oder Flüssigkeit zu sich genommen? Diese Frage konnte sie nicht mehr beantworten. Selbst das Denken fiel ihr schwer. Wie lange lag sie schon hier? Wie viele Tage waren vergangen, seit er in ihre Wohnung eingedrungen war und sie im Schlaf überwältigt hatte? Kira merkte, wie die Erschöpfung wieder Macht über sie gewann, doch sie hatte keine Kraft mehr dagegen anzukämpfen. Es wurde wieder dunkel vor ihren Augen und sie sank in einen tiefen traumlosen Schlaf.
Wie durch einen Schleier erkannte sie ihn, wie er da so über ihr aufragte. Eine dunkle schwarze Gestalt. Er hielt etwas Großes in den Händen, es sah aus wie ein Eimer und sie hatte Recht, denn im nächsten Moment ergoss sich ein Schwall kalten Wassers über sie. Kira zuckte zusammen und ihr wurde kurz schwarz vor Augen. Beinahe hätte sie wieder das Bewusstsein verloren, doch schon kam der nächste Schwall Wasser, diesmal direkt in ihr Gesicht. Die kalte Luft, die durch das immer noch geöffnete Fenster ins Zimmer strömte, kühlte das Wasser auf ihrer Haut noch weiter ab. Gänsehaut überdeckte ihren ganzen Körper. „Prinzessin, wach auf. Mach die Augen auf, du hast lang genug geschlafen.“ Wieder sagte er es mit einer abartigen Sanftheit, fast wie der Vater, der seinem Kind eine gute Nacht wünscht. Übelkeit überkam Kira, sie versuchte mit letzter Kraft dagegen anzukämpfen. Er kniete über ihr und schlug ihr hart mit der Faust ins Gesicht. „Bist du wach Prinzessin? Schau mich doch an. Bitte schau mich an, ich mag doch deine Augen so sehr. Möchtest du, dass ich dich berühre?“ Noch immer sprach er mit sanfter, engelsgleicher Stimme. Wie konnte dieser Teufel nur so reden? „Gefällt es dir, wenn ich dich hier anfasse?“, fragte er und strich über ihre nasse, kalte Haut. Er fuhr mit seiner Hand über all die Schnittwunden und jede einzelne Berührung verursachte noch mehr Schmerzen, die nach und nach Kiras Geist benebelten. Nur noch der Schmerz war gegenwärtig. Wieder wurde sie ohnmächtig.
Kira blinzelte. Die Augen benötigten einige Zeit, um sich an das strahlende Tageslicht zu gewöhnen. Sie lag an einem wundervollen weißen Sandstrand, und blickte in den schönsten blauen Himmel den sie je gesehen hatte. Über ihr zog ein Schwarm Möwen seine Kreise und in der Ferne hört sie Kinder lachen, die vergnügt ihren Spielen nachgingen. Kira fühlte sich wohl, ihr ganzer Körper fühlte sich warm und gesund an. Keine Kälte war mehr da, keine Schmerzen die ihr den Verstand raubten, nur dieses unglaubliche, alles einnehmende Wohlbefinden war da. „Prinzessin, bist du noch bei mir?“ Wo kam diese Stimme her? Sie sah sich um, doch da war niemand an dem Strand außer ihr. Kira war verwirrt und fühlte sich beobachtet. Dieses Gefühl überkam sie wieder, die Schmerzen wurden präsenter. Der Strand verblasste langsam und die seichten Wellen zogen sich zurück. Der Himmel verdunkelte sich und dann war sie wieder da, in ihrer Realität.
„Da bist du ja kleine Prinzessin. Ich dachte schon, du willst mich einfach so verlassen. Aber du weißt doch, dass ich hier die Entscheidungen treffe.“ Kira kämpfte dagegen an, sie wollte zurück an diesen Strand. Sie sehnte die Wärme und das Wohlbefinden herbei. Wieso konnte sie nicht einfach wieder dorthin zurück kehren? Wieso ließ er sie nicht endlich gehen? Kira sammelte ihre letzten Kraftreserven, sie musste dieser Sache selbst ein Ende setzen. Er würde sie nie gehen lassen. Sie bäumte sich auf und stieß einen Schrei aus, der so schrill und durchdringend war, dass sich ihr Angreifer so erschreckte und mit zuschlug. So fest, und mit einer unbändigen Kraft mitten in ihr Gesicht. Kira sackte in ihr Kissen zurück und ihre Augen blieben offen stehen, und dann verschwand das letzte Leuchten aus ihnen. Nur noch die Reflektionen der Sterne waren darin zu sehen.
Da war er wieder, der Strand, die Wärme, das Wohlbefinden. Die Wellen umspülten ihre nackten Füße, doch das Wasser war nicht kalt, es hatte eine angenehme Temperatur. Kira streckte die Arme aus und ließ sich in den weichen Sand fallen. Nur noch ein letztes Mal hört sie die Stimme im Hintergrund sagen: „Schlaf gut Prinzessin!“ und dann verstummte sie für ewig. Dann waren nur noch sie, der Sand, die Wellen und der strahlend blaue Himmel.